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Universität Konstanz

Ein Kanzler geht

Nach 26 Jahren verlässt Kanzler Jens Apitz die Uni – ein Bericht über das Amt und seine Verabschiedungsfeier.

Der begriff „Kanzler“ dürfte bei den meisten Leser*innen zunächst Assoziationen zur Bundespolitik hervorrufen. Bei diesem Kanzler ist trotz Krisen kein baldiges Ende der Amtszeit absehbar.

Anders verhält es sich bei dem Kanzler der Universität Konstanz, Jens Apitz. Dessen Amtszeit endet zum Ende des Monats regulär aus Altersgründen, am Freitag wurde er feierlich verabschiedet. Es war groß eingeladen worden, der Audimax mit etwa 400 Personen besetzt, darunter zahlreiche Prominenz aus der Hochschullandschaft. Studierende waren dagegen so gut wie nicht aufzufinden. Als der Herr Ministerialdirektor Reiter zu Beginn seiner Rede die Studierenden grüßte, blickte er sich suchend im Saal um. Als meine Wenigkeit seine Suche mit einem Winken beendete, korrigierte er sich zu „mindestens ein Studierender“.

Wieso hätte auch ein Studierender an diesem Freitagnachmittag kommen sollen zu der Verabschiedung dieses ominösen Kanzlers? Als Vorsitzender der Studierendenvertretung gehöre ich vermutlich zu der kleinen Gruppe der Studierenden, die den Namen von Jens Apitz kennen und zu der noch kleineren Gruppe, die überhaupt einmal etwas mit ihm zu tun hatten. Aber auch ich wusste vor der Veranstaltung nicht so richtig, was eigentlich genau seine Aufgaben waren; allerdings berichtete auch die Rektorin, dass sie immer wieder überrascht sei, welche Aufgabe er noch erledige. Im während der Veranstaltung mehrfach erwähnten § 16 des Landeshochschulgesetzes werden diese beschrieben als „Wirtschafts- und Personalverwaltung“, das klingt auch schon langweilig. Tatsächlich ist der Beruf des Hochschulkanzlers weniger spektakulär. Er hält keine großen Reden, er steht nicht in der Zeitung, er wird im Wikipediaartikel der Uni nicht erwähnt.

Dennoch scheint er wichtig zu sein. Besonders unser Kanzler Jens Apitz. Über 26 Jahre – seit 1999 – hat er diese Position ausgefüllt. Als eines von derzeit sechs Mitgliedern des Rektorats hat er damit die Amtszeiten von fünf Rektor*innen überdauert und die von deutlich mehr Prorektor*innen. An einem Ort der naturgemäß ständigen Fluktuation und sich verändernden Rahmenbedingungen stellte er damit eine Konstante da.

Aber was macht er denn nun? Das Kanzlerbüro listet auf: Haushalts- und Personalangelegenheiten, die Bau- und Sanierungsplanung sowie Rechtsfragen, sonstige Verwaltungsaufgaben und Familienförderung. Dafür mischt er mit in allen zentralen Gremien der Universität.

Die Reden bei seiner Verabschiedung zeichnen ein Bild seiner Tätigkeit und Erfolge. Gelobt wird sein Verhandlungsgeschick in Personalverhandlungen, mit Behörden und mit Geldgebern. Sanft sei die Art des Verhandelns gewesen, des Mannes mit den manchmal etwas zerzausten Haaren, dem man seine Vorbereitetheit nicht immer ansehe. Die Familienförderung sei ihm besonders wichtig gewesen, das wird so oft erwähnt, dass man es dann doch glauben muss, spätestens, als eine Medaille zum Vorschein kommt, mit der er bereits vor Jahren zum Familienkanzler gekrönt wurde. Gelobt wird auch die Kollegialität im Rektorat und der Uni allgemein, laut dem Vertreter des Wissenschaftsministeriums sei das nicht überall so, der Kanzler bestätigt. Er scheint beliebt zu sein beim Publikum, das aus Partnern der Universität Konstanz und seinen Beschäftigten besteht, diese kennen ihn, schließlich ist er ihr oberster Vorgesetzter. Es wird auch klar: Er war nicht laut, sondern arbeitete still und zuverlässig im Hintergrund, einen Wikipediaartikel hatte er nicht nötig.

Heute aber tritt Apitz mehrfach nach vorne, um zu sprechen und auf seine Vorredner zu reagieren. Zu Beginn tritt er unter fragenden Blicken der Rektorin mit Rucksack auf und zieht einen roten Sakko über, den habe er an seinem ersten Tag getragen und er wolle ihn auch an seinem letzten Tag tragen, ab diesem Moment sitzt seine Krawatte etwas schief. Mehrfach wird es emotional, er muss merklich nach Worten suchen. Er erzählt von seinen gesundheitlichen Problemen, seine Familie. Feuchte Augen bekommt er auch, als er über die enge Zusammenarbeit mit Rektorin Katharina Holzinger spricht. Zwischendrin gibt musikalische Begleitung auf Klavier und Geige – mit Bach, so hat Apitz es sich gewünscht.

Es darf aber auch gelacht werden: Die Rektorin spricht vom armen Kanzler, der immer Nein sagen müsse, dieser erwidert, er habe eigentlich mehr Ja gesagt, als er hätte sollen. Trotz Lob für die Fortschritte bei Bau und Sanierung des Campus verkneift die Rektorin sich nicht, den Zustand vieler Gebäude als „erbärmlich“ zu beschreiben. Nach der Äußerung der Kanzlers, er werde mit dem Alter ungeduldig, wenn jemand nicht zum Punkt kommen könne, bleibt eine Pause und das Publikum rätselt, wohin er blickt. Apitz fängt sich wieder und behauptet, die Pause sei nicht beabsichtigt gewesen. Tatsächlich überziehen alle Redner*innen, auch der ehemalige Rektor Ulrich Rüdiger, der sich erst noch darüber lustig macht („Nach zwei Stunden wird nur noch gelogen“). Das Programm wird mehrmals umgeplant, allerdings in einer organisatorischen und technischen Glanzleistung, sodass man davon gar nichts mitbekommt.

Alter und nueer Kanzler vereint
Alter und neuer Kanzler vereinigt

Naturgemäß immer etwas am Rand steht bei solchen Veranstaltungen der Nachfolgende. Hier ist es Matthias Kreysing, der schlanke Mann ist etwas unauffälliger gekleidet als Apitz an seinem ersten Tag. Im Mai wurde er von einer Findungskommission vorgeschlagen und vom Senat und Universitätsrat in öffentlicher Sitzung gewählt. Bis zu diesem Moment war seine Personalie noch geheim, auch die Universität Hildesheim, die ihn nun als Kanzler verliert, wusste nichts davon, vor zwei Wochen wurde er dort mit einem weinenden Auge feierlich verabschiedet. In Zukunft werden hier alle Augen auf ihn gerichtet sein, die aktuellen Herausforderungen werden in den Reden angesprochen. Henrike Hartmann, die Vorsitzende des Universitätsrates führt die Amtsübergabe durch, Kreysing und Apitz umarmen sich, sie kennen sich schon länger. Ansonsten ist dies aber noch der Tag von Apitz, Kreysing muss sich sein Lob erst noch verdienen. Apitz sieht dem aber zuversichtlich entgegen, es sei der richtige Mann zur richtigen Zeit.

Ganz am Ende tritt er unter tosendem Applaus ab und ruft ins Publikum: „Ihr werdet mir sowas von fehlen.“ Für drei Stunden war es dann doch eine erstaunlich kurzweilige Veranstaltung.

Sanding Ovations für Jens Apitz
Standing Ovations nach der Rede von Apitz

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